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BACON

„Wir werden mit einem Schrei geboren“ Der Maler Francis Bacon

Zutiefst faszinierend und verstörend zugleich sind die groß- formatigen Gemälde des britischen Malers Francis Bacon. In einer Zeit des Stilpluralismus und der sich etablierenden abstrakten Malerei geht er seinen eigenen Weg und wird zu einem der wichtigsten gegenständlichen Maler des 20. Jahrhunderts. Bacon malte die Abgründe der menschlichen Seele. Inspiriert von einem Bohèmeleben zwischen Salons, Alkohol, Glücksspiel und homoerotischen Begegnungen ergründete er in seiner Kunst fundamentale menschliche Verhaltensmuster, die nicht selten die Grenze zu tierischem Gebaren verschwimmen lassen.

Schonungslos ehrlich erscheint die Darstellung des Menschen in seiner Ambivalenz zwischen nackter Verletzlichkeit und animalischer Rohheit und Brutalität. Ein wiederkehrendes Motiv ist der Tod. Tief erschüttert vom Suizid seines langjährigen Lebenspartners George Dyer, suchte er auf mehreren Triptychen nach einem künstlerischen Ausdruck für dessen Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Neben der intensiven Körperlichkeit ist die Gestaltung des Raumes eines der Faszinosa von Bacons Bildern. Polyperspektivisch angelegt, mit Türen, die ins Dunkel führen und Pfeilen, die ins Nirgendwo verweisen, scheint sich die erzählte Geschichte jenseits des Bilderrahmens fortzusetzen. Unvermittelt in den Raum gesetzte geometrische Figuren – rätselhafte Quader, die die Figuren umgrenzen – scheinen jene gleichsam zu exponieren, wie auch von ihrer Außenwelt unwiderruflich isoliert zu zeigen.

Als Nanine Linning die Bilder Bacons das erste Mal auf einer Retrospektive erlebt, ist sie emotional tief bewegt von der Unruhe und dem inneren Schrei, die die gemalten Figuren auszusenden scheinen. Der Überlebenskampf des Einzelnen, das Ringen um Macht und Dominanz, der verzweifelte Kampf des Außenseiters um Zugehörigkeit, das gegenseitige Observieren von Rivalen sind Motive des Malers, denen sie sich in ihrer eigenen Kunst stark verbunden fühlt. Inspiriert von der Unmittelbarkeit der Gestaltungsweise Bacons beginnt sie eine Choreografie zu entwickeln, die nicht mit dem Kopf erdacht, sondern wie sie es nennt, »mit den Muskeln geschrien« werden soll. Das Stück soll von innen heraus »mit dem Körper gemalt« und nicht, wie es für die choreografische Arbeit üblich ist, über den Blick von außen konzipiert werden.

Fasziniert von der Arbeitsweise Bacons, der in einem kreativen Chaos wirkte und sein Leben mittels Fotografien in das Studio hineintrug, entsteht die Frage: Wie wäre es, auch als Choreografin in einem Atelier zu arbeiten? Das Tanzstudio verwandelt sich, Nanine Linning baut ein komplettes Bühnenbild selbst. Bereits im Jahr 2005, als Bacon in Amsterdam Uraufführung feiert, wird es mit dem »Swan« für die beste niederländische Choreografie geehrt. Dieses Jahr kommt es in einer Neuinszenierung mit überarbeiteter Choreografie, neuem Lichtdesign und Video ans Theater Heidelberg. Es sei ein intensives Stück, sagt Nanine Linning, das von der Intimität und der Nähe zu den Tänzern lebe, deren Persönlichkeiten es entscheidend mitprägen.

Konzept, Choreografie, Szenografie

und Kostüme Nanine Linning

Szenografie und Lichtdesign Jan Boiten

Video Juliane Noß

Musik Jacob ter Veldhuis

Choreografische Assistenz Sylva Šafková,

Benito Marcelino, Justo Moret

Dance Company Nanine Linning / Theater Heidelbergmovie

Besetzung A Naomi Kamihigashi, Rina Murakami,

Emma Välimäki, Brecht Bovijn, Lorenzo Ponteprimo,

Endre Schumicky

Besetzung B Demi-Carlin Aarts, Marie-Louise Hertog,

Milang Lie Meeuw Lew, Luca Tomasoni, Sho Takayama,

Thomas Walschot

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