MUSIK

Chapeau. Brillant!

verfasst von Andre Biakowski

Südwest Deutscher Kammerchor Tübingen überzeugte mit Bachs h-Moll Messe.

Höher kann man Erwartungen wohl nicht stecken, wagt man sich mit einem Chor an eines der größten Vermächtnisse der klassischen Musikgeschichte – die h-Moll Messe von Johann Sebastian Bach (BWV 232). Bereits 1811 adelte Carl Friedrich Zelter, Leiter der Berliner Sing-Akademie, Bachs Messe mit dem Bonmot, sie sei „das größte Kunstwerk, das die Welt je gesehen hat.“. Auf weltliche und geistlichen Kantaten sowie auf bestehende Einzelkompositionen, teils Parodien, zurückgreifend, schuf Bach seine einzige und uninspirierte Vertonung des kompletten Messordinariums (aller fünf Messeteile) – Kyrie, Gloria, Sanctus, Benedictus sowie dem Agnus Dei. Mit seiner letzten, vollendeten, großen Komposition, der h-Moll Messe, fasste der Thomaskantor – Leipzig 1723-1750 – die Kompositionsgeschichte bis zur Mitte des 18 Jahrhunderts als imposantes Vokalwerk zusammen.

Chorleiter Peter Lorenz traute mit der h-Moll Messe den fast 50 Mitgliedern des Südwestdeutschen Kammerchores Tübingen ab den ersten Probe-Wochenenden, bereits im Dezember 2016, einiges zu. „Der Südwestdeutsche Kammerchor ist ideal für filigrane Satzstrukturen…“, so Lorenz in einem Interview. Und fügte hinzu: „Die Genialität dieser Musik ist kaum in Worte zu fassen.“. Und genau dieser Genialität der Komposition Bachs galt es dem Barockorchester L’arpa festante sowie den Solistinnen – Franziska Bobe (Sopran), Anneka Ulmer (Alt) – sowie den SolistenAndreas Weller (Tenor), Stefan Zankl (Bass) – in gleich zwei Aufführungen gerecht zu werden.

Die Stadtkirche Stuttgart Bad-Cannstatt bis fast auf den letzten Sitzplatz gefüllt, betraten am 13. Mai, Punkt 20 Uhr die Sängerinnen und Sänger des Südwestdeutschen Kammerchores Tübingen, einheitlich in Schwarz gekleidet, den Altarraum zur ersten Aufführung. Unter lautem Beifall, schritt kurz danach in introvertierter Manier Peter Lorenz ans Dirigentenpult und gab hochkonzentriert den Einsatz zu einem „Kyrie eleison.“, welches stimmlich sauberer und brillanter als Ouvertüre hätte kaum sein können. Tänzelnd „erdirigierte“ Lorenz einen musikalischen Hochgenuss, eine Vermählung zwischen Chor und Orchester zu einer Stimme: „Herr, erbarme dich.“ dem Leid und Schmerz unserer Tage. Doch schnell sollte die erste Ernüchterung des Abends folgen: das Duett „Christ eleison“ zwischen der Sopranistin Franziska Bobe sowie der Altistin Anneka Ulmer. Bobes überzeugte in ihren Partien durch einen strahlenden und absolut technisch excellenten Sopran und ließen so die mittelklassig gesungenen Partien Ulmers erträglich erscheinen. Mit „moderner“ Koloratur, interpretierte im Weiteren der österreichische Bariton Stefan Zenkl Bachs Arie „Quoniam tu solus sanctus“ („Denn du allein bist der Heilige“) und setzte damit einen gesanglichen Akzent. Als musikalischer Höhepunkt des Konzertabends, muss das „Sanctus“ des Südwestdeutschen Kammerchors betrachtet werden. Fast schon magisch und monumental zugleich entwarf er gemeinsam mit dem Barockorchester L’arpa festante das musikalische Bild der Herrlichkeit Gottes und überzeugte in allen Stimmlagen mit musikalischer Präzision in den Einsätzen und komplexen Harmoniegefügen. Nahtlos setzte dieses musikalische Niveau der Stuttgarter Tenor und Oratoriensänger Andreas Weller in der Arie „Benedictus, qui venit in nomine Domini.“ fort.

Wendet man das Sprichwort „Man wächst mit seinen Aufgaben“ auf den Südwestdeutsche Kammerchor Tübingen an, so wuchs er bei seiner zweiten Aufführung der h-Moll Messe am 14. Mai in der Tübinger Stiftskirche förmlich über sich hinaus und erinnerte passagenweise an die sauberen Harmonien der Thomaner. Neben einem grandiosen „Sanctus“ brillierte der von Lorenz zu einem Doppelchor umgestellten Chor mit „Dona nobis pacem“ als an Athentizität kaum zu übertreffendes grande finale. Die Reaktion des anspruchsvollen Publikums in Tübingen folgte promt: fast zehnminütige Applausovationen mit Standing Ovations. Chapeau. Brillant! Nur folgerichtig wird der Südwestdeutsche Kammerchor Tübingen auf dem Festival Europäische Kirchenmusik in Schwäbisch Gmünd (am 15. Juli) beim Preisträgerkonzert zu Ehren des Komponisten Wolfgang Rihm mitwirken.

 

Über den Autor

Andre Biakowski

error: Content is protected !!