„FÜHLE MEINEN KÖRPER SICH VON MEINEM KÖRPER ENTFERNEN“

Die Ausstellung „fühle meinen Körper sich von meinem Körper entfernen“ und das Symposium „stumble bumble fail fall hurt“ nehmen ihren Ausgangspunkt in der Beschäftigung mit dem Pubertären und gegenwärtigen Krisen von Verkörperung. Die Pubertät ist ein Zustand doppelter Disharmonie: Der Körper produziert Begehren und materielle Überschüsse (bspw. neue Körperflüssigkeiten), die noch nicht durch stabile kulturelle Normen (Partnerschaft etc.) eingeordnet sind. Umgekehrt sind Psyche und Verstand noch nicht in der Lage oder willens, den Körper zu „vernünftigen“ oder „erwachsenen“ Handlungsweisen zu disziplinieren.

Indem Identitäten von Körpern abgekoppelt werden, Körperliches virtualisiert oder Materielles freigesetzt wird, entstehen Spielfelder, die von Mainstream- und Popkulturen ebenso wie von deren kritischen Alternativmodellen besetzt werden. Mit der Ausstellung und dem Symposium im Heidelberger Kunstverein entsteht ein Gefüge, das Transformationen zwischen verschiedenen Geistes- und Körperzuständen, Aneignungen des Devianten und Formationen materialisierter Gewaltstrukturen in Beziehung und Bewegung setzt. Mit der Ausstellung werden vier Beiträge gezeigt, deren räumliches Ineinander gehen im Austausch miteinander entstanden ist.

Gitte Villesen entfaltet in ihrer für das Projekt entwickelten Video- und Fotoinstallation „deeply immersed in the contents of a learning stone“ ein Narrativ des Überschreitens von Bewusstseinszuständen. Im Gespräch mit der Künstlerin Emma Haugh, entlang feministischer Sci-Fi-Literatur oder mit Materialien zu Katharina Detzel, Franz Kockartz und Oskar Voll aus der Heidelberger Sammlung Prinzhorn folgt die Arbeit in assoziativen Wiedererzählungen mehreren Denkmodellen, Geschlechterbildern und Machtdynamiken an den Übergängen verschiedener Welten.

Ausgehend von Virginia Woolfs Roman ›Orlando‹ (1928) beschäftigt sich die Installation „time to sync or swim“ von Katrin Mayer und Eske Schlüters mit digitaler Identitätsund Geschlechterkonstruktion, deren denkbar komplexeste Vervielfältigungen derzeit in der sogenannten Otherkin- Bewegung auf der Internetplattform Tumblr sichtbar sind.

Neben dem Identifizieren mit anderen Wesen, Tieren, aber auch Pflanzen oder Dingen gibt es eine große Ausdifferenzierung sexueller Orientierungen wie beispielsweise „I identify as autistic pangender asexual demiromantic transasian cat otherkin“.

Christine Lemke greift in ihrer Serie von Zeichnungen „Formen der Selbstaneignung oder Elfen gehen sich wiegen“, die Figur des Freaks als de / formierende Subjektgestalt auf. Sie montiert aus den gestraften Körpern von Max und Moritz und den animierten Verwandlungen von Ally McBeal ein Storyboard gleichermaßen idealisierter wie abjekter Körpervorstellungen. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Normativität und Abweichung, welches mit Formen des Fehlerhaften und der Geste des Zitierens posiert. Martin Beck zeigt eine Auswahl visueller und textueller Internet-Posts aus dem Kontext von Otherkin, Memes und Fails, die digitalisierte Körperlichkeiten verhandeln – Ergebnis endloser Streifzüge durch Blogs und Plattformen wie Tumblr, 9gag, Imgur, 4chan.

 

Begleitet wird die visuelle Präsentation von einem Essay, der Virtualisierungs- und Entkörperungsprozesse nachzeichnet.

Im Januar findet in der Ausstellung das zweitägige Symposium „stumble bumble fail fall hurt“ statt und bietet Anlass, sich mit sowohl eingeladenen als auch zufälligen Gästen auszutauschen. Die Veranstaltung kann in künstlerischen, akademischen wie improvisierten Darstellungen eine Geschichte der Pubertät genauso umfassen wie ein postanthropologisches Habitat oder die Modulationen von Körpern.

Der Titel der Ausstellung ist Ronald M. Schernikaus „Kleinstadtnovelle“ (1980) entnommen, der Titel des Symposiums Jack Halberstams „Queer Art of Failure“ (2011).

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