KULTUR

Gemeinsam einsam – Mingles

verfasst von Nancy Schmidt

Ein Kuss oder zumindest der erste Sex besiegelten es, machten klar, dass das hier nun eine besondere und exklusive Beziehung zwischen zwei Menschen ist. Doch diese Zeiten sind leider vorbei. 

Eine Beziehungsform, die es so in jedem Bekanntenkreis gibt, die viele wohl selbst schon erlebt haben. Man kann es Halb-Beziehung nennen, oder auch Mingle-Dasein. „Mingle“ ist eine Wortschöpfung aus „mixed“ und „Single“. Der Begriff, der noch nicht so gebräuchlich wie „Friends with Benefit“ ist, für Beziehungen, in denen man „nur“ miteinander schläft, definiert endlich etwas, was nicht definiert ist. Irgendwie ist man offiziell noch Single, vermischt diese Lebensweise aber mit der eines Pärchens.

So trifft man einen Menschen, den man anziehend findet, man lernt sich kennen, mag sich, küsst sich. Man trifft sich wieder, schreibt sich Nachrichten und flirtet, irgendwann hat man das erste Mal Sex, man trifft sich immer wieder, in größeren, in kleineren Abständen. Manchmal geht man auch gemeinsam auf Veranstaltungen, manchmal telefoniert man, manchmal hört man aber auch ein paar Tage nichts voneinander.

Während das so dahinplätschert, kommen irgendwann diese Fragen auf: Was ist das jetzt eigentlich? Sind wir zusammen ? Warum sagt der andere nichts dazu? Stellen wir uns einander unseren Eltern vor ? Schenken wir uns etwas zum Geburtstag ? Ist es dann offiziell ?

Beziehung in der Schwebe

Die Zeiten, in denen ein Kuss oder zumindest der erste Sex es besiegelten, dass das hier nun eine besondere und exklusive Beziehung zwischen zwei Menschen ist, sind vorbei. Leider. Denn heute ist es kompliziert, anstrengend, die Mingle-Beziehung fühlt sich an wie ein Drahtseilakt auf den eigenen Gefühlen. Gibt man zu viel von sich Preis, wenn man nach Klarheit verlangt? Blamiert man sich, wenn man eine Beziehung veröffentlicht ? Man geht doch schließlich auch gemeinsam aus, trifft Freunde, spricht über Intimes und Privates oder die Zukunft. Es gibt verschiedene Gründe für diese neue Unverbindlichkeit. Der zentrale und wichtigste ist wohl die Angst, zu viele andere, vielleicht bessere Möglichkeiten auszuschließen, wenn man sich eindeutig zu einem Menschen bekennt. Da ist die ständige Optimierungstendenz, der Gedanke, dass es vielleicht noch einen Besseren gibt.

Die große Freiheit, das Gefühl, das auch das scheinbar unendliche Angebot des Online-Datings vermittelt, dass immer nur einen Klick weiter doch jemand sein könnte, wird so zum Gefängnis. Zum Gefängnis aus Angst, etwas oder jemanden zu verpassen. Daraus wird schnell eine Angst vor zu großer Nähe, denn mit der Nähe käme doch der Zeitpunkt, an dem man sich bekennen muss. Und natürlich ist derjenige, der bereit wäre, sich zu binden, aber an genau so jemanden gerät, ebenso ein Opfer der Mingle-Mentalität. Eines das unverschuldet in diese Halb-Beziehungssituation gerät und darin feststeckt.

Doch nicht nur die Angst, den einen zu verpassen, wenn man sich zu dem oder der anderen mal so richtig bekennt, bremst den Bindungswillen, auch der explizite Wunsch nach Selbstverwirklichung stellt sich, gerade bei der Generation um die dreißig, dem bekennenden Pärchendasein entgegen. Die Menschen haben eine immer größere Sehnsucht nach Freiheit. Also versuchen sie auch, so eine ‚offizielle‘ Entscheidung für eine Beziehung so lange wie möglich hinauszuschieben.

Die Sehnsucht nach einer Beziehung ist da, wenn sich aber Komplikationen auftun, lebt man lieber noch ein wenig länger sein buntes Leben.

 

Über den Autor

Nancy Schmidt

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