KULTUR

Tattoos – Körperkunst & Kult Teil 1

verfasst von Nancy Schmidt

Ringe durch Nasen, Lippen oder Bauchnabel und in die Haut tätowierte Motive.

Das waren in den 80er Jahren Zeichen für Protestkultur. Punker, Rocker oder die Anhänger bestimmter Musikrichtungen demonstrierten mit diesem Körperschmuck ihr Anderssein und grenzten sich damit von den herkömmlichen gesellschaftlichen Werten ab. Das hat sich geändert.

Mittlerweile hat sich das Tattoo als Kunst etabliert und wird nun auch von allen Gesellschaftsbereichen getragen. Bilder, die unter die Haut gehen, hat es zu allen Zeiten gegeben. Früher wurde die Haut mit scharfen Steinen oder Knochen aufgeritzt, anschließend mit Asche oder Pflanzenfarbe eingerieben. Heute stechen Tätowierer auf der ganzen Welt den Kunden ihre Wunschmotive in die Haut. Was vor Jahren noch schockierend oder zumindest irritierend wirkte, ist längst gesellschaftsfähig geworden.

Tätowierungen erzählen Geschichten

Der Wunsch, den eigenen Körper zu verändern und zu schmücken, ist schon sehr alt. Vermutlich bemalten die Urmenschen nicht nur ihre Höhlen, sondern auch ihre Haut. Körperbemalungen und Tätowierungen waren und sind auf der ganzen Welt verbreitet und haben unterschiedlichste Bedeutungen. Stammeskrieger malten sich vor dem Kampf an, um ihre Gegner mit Furcht erregenden Fratzen einzuschüchtern. Ornamente und Motive stellten Gruppenzugehörigkeit und Rang dar, demonstrierten Trauer und hatten magische Bedeutung. In vielen Völkern Afrikas gehörte und gehört die Tätowierung zum sogenannten Übergangsritual, wie zum Beispiel beim Übergang vom Jugendlichen in das Erwachsenenalter. Dabei kennzeichnet nicht nur das Zeichen an sich den Erwachsenen. Erst das Ritual mit den damit verbundenen Schmerzen lassen das Kind zum Mann oder zur Frau werden.

Warum lassen sich Menschen tätowieren?

Die Gründe dafür, Bilder auf der Haut zu verewigen, sind so individuell wie der Mensch selbst. Bei frühzeitlichen Tätowierungen geht man von einem Stammesritual oder von einem kultischen Hintergrund aus. In Ägypten sollte eine Tätowierung dem Verstorbenen Kraft und Fortpflanzungsfähigkeit im Jenseits geben. Bei den Ainu, den Ureinwohnern Japans, erkannte man an einer Tätowierung rund um den Mund den Status eines erwachsenen Eheweibs. Afrikanische Stämme drückten den Zusammenhang von Zeugung, Geburt, Tod, Kraft und Mut aus.

Religiös ist der Hintergrund bei den Hautzeichen der Frühchristen. Sie ließen sich die Anfangsbuchstaben Christi, CX oder I.N. (Jesus Nazarenius), oder Symbole des Christentums wie Lamm, Kreuz oder Fisch auf die Stirn oder das Handgelenk stechen. Die Kreuzritter im Mittelalter stachen sich ebenfalls ein Kreuz in die Haut. Ohne diese Identifizierung, so ihr Glaube, war einem Kämpfer im muslimischen Morgenland die christliche Ruhestätte nicht sicher.

Ob Seeleute, Fremdenlegionäre, die japanischen Mafiosi der Yakuza, Angehörige der SS im Zweiten Weltkrieg, Prostituierte und Zuhälter oder Mitglieder der Rockerbande, (Rand-)Gruppen nutzen bis heute Tätowierungen als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit. Im NS-Konzentrationslager Auschwitz bekamen die Häftlinge eine Nummer auf den Arm tätowiert, um Leichen ohne Kleidung und geflohene Häftlinge identifizieren zu können. Die Kunst auf der Haut diente auch als Broterwerb: Auf Jahrmärkten und in Kuriositätenkabinetten verdienten sich Menschen mit ihrer Zurschaustellung den Lebensunterhalt. Ein Beispiel aus heutiger Zeit ist der zu 99,9 Prozent tätowierte Schotte Tom Leppard. Mitte der 1980er Jahre ließ er sich sein Leoparden-Design anlegen und seine Eckzähne spitz feilen. Lange Zeit war er im „Guinness Buch der Rekorde“ als der am vollständigsten tätowierte Mensch aufgeführt. Tätowierungen waren und sind oft Ausdruck einer Gegenkultur, die sich gegen geltende Normen richtet. Doch wie viele andere Protesthaltungen ist auch das Tätowieren längst salonfähig geworden: Prominente Sänger, Schauspieler und Sportler lassen sich genauso tätowieren wie Bankangestellte, Lehrer und Studenten. Individuelle, möglichst fantasievolle Tattoos, sind Kult, gelten als modisch, erotisch und schick. Auch der psychologische Aspekt, seelische Befindlichkeiten für alle sichtbar auf der Haut zu tragen, hat sich in den letzten Jahren verstärkt.

Vom Außenseiter-Schmuck zur Modeerscheinung

Vom „Hautzeichen der Außenseiter“ wandelten sich Tatowierungen und Piercings zum modisch-erotischen Hautschmuck, der die Persönlichkeit des Trägers zum Ausdruck bringen soll. Dabei sind schmerzhafte Torturen zum Teil überflüssig geworden. Indische Mehndis, also traditionelleHenna -Ornamente, die eine Botschaft übermitteln, werden zum Beispiel nur auf die Haut aufgemalt und verschwinden nach zwei oder drei Wochen wieder. Nachteil: Henna kann allergische Reaktionen auslösen. Auch die Prozedur des Tätowierens selbst schmerzt heute weit weniger. Beim Tätowieren werden durch das Punktieren der Haut mit Nadeln Farbpartikel in die Lederhaut gebracht. Heute erledigen diese mühsame Arbeit elektrische Tätowierapparate, die ihre Nadeln bis zu 3000 Mal pro Minute auf und ab bewegen.

Körperkunst in Europa

Unser Wort „Tätowierung“ entstammt dem polynesischen „tatau“ (Zeichen). Bekannt wurden das Wort und seine Bedeutung durch die Aufzeichnungen des britischen Entdeckers und Erforschers der Pazifik-Inseln James Cook (1728 – 1779). Er war es auch, der den polynesischen „edlen Wilden“ Omai nach England brachte. Auf Jahrmärkten wurden die Tätowierungen des tahitischen Prinzen vorgeführt, bestaunt und bewundert. Unter seinen Leidensgenossen, die als lebendige Ausstellungsobjekte gezeigt wurden, war Omai der bekannteste und einer der wenigen, die zurück in ihre Heimat reisen durften. Im 18. Jahrhundert galten die in die Haut gestochenen und eingefärbten Ornamente und Bilder als der Inbegriff der Exotik und des Primitiven. Im 19. Jahrhundert wurden Tätowierungen dann zum Zeichen des „Milieus“. Randgruppen wie Zuchthäusler, Matrosen, Prostituierte und Fremdenlegionäre grenzten sich mit „barbarischem“ Körperschmuck von der Scheinmoral der „guten Gesellschaft“ ab. Gut ein Jahrhundert später ließen die Punker diese Tradition wieder aufleben.

Tattoos in Europa

Bei uns hat ein Tattoo kaum die traditionelle Körperverzierung zum Sinn. Wie aber kam das Tattoo nach Europa?

Das Wort „Tattoo“ geht auf das tahitische Wort „Tatau“ zurück, was soviel bedeutet wie „Wunden schlagen“. Mit Tatau bezeichnete man auf den Inselgruppen Polynesiens den traditionellen Akt der Körperverzierung. Polynesien – mit der heutigen Hauptinsel Tahiti – liegt im Pazifischen Ozean.

Bei der traditionellen Tatau-Methode wurden mit einem aus Knochen oder Stoßzähnen gearbeiteten Tatauierkamm rhythmisch Wunden in die Haut geschlagen. Anschließend rieb man eine Paste aus Ruß, verbrannten Samenkernen und Kokosöl in die Wunden, was die bleibende Verfärbung der Haut verursachte. Der englische Kapitän und Weltumsegler James Cook (1728 bis 1779) hatte am 11. April 1769 Tahiti entdeckt und auf drei Fahrten die Südsee erforscht. Als Cook 1774 von seiner zweiten Reise wieder nach England heimkehrte, ging auch Omai, ein tätowierter Prinz aus Tahiti, von Bord. Omai, der auf eigenen Wunsch mit nach England gekommen war, wurde wegen seiner reichen Körperverzierungen schnell zur lebenden Sensation in den Adelshäusern Londons. Presseberichte über den „wilden Indianer aus der Südsee“ verbreiteten sich rasch in ganz Europa, auch in Berlin. Omai ließ sich bereitwillig auf Empfängen, wissenschaftlichen Zirkeln und Jahrmärkten bestaunen – und beflügelte die Fantasie der Schriftsteller.

Es entstanden Romane und Theaterstücke. In Frankreich erschienen in vier umfangreichen Bänden die „Narrations d’Omai„. Das Theatre Royal im Londoner Covent Garden brachte das pantomimische Theaterstück: „Omai, or, a trip round the world„. August von Kotzebue bearbeitete den Stoff für das deutsche Theater. Wenn Omai von seiner Hautkunst erzählte, benutzte er das Wort „Tatau“. Dies ging den Engländern leicht über die Zunge, nicht zuletzt deshalb, weil es ein ähnlich lautendes Wort seit Mitte des 17. Jahrhunderts in der englischen Militärsprache gab. Hier bedeutete tattaw oder tattow „Zapfenstreich“. Spielerisch machte man aus Omais Tatau das Wort „Tattoo„, und nicht zufällig waren es in England zunächst überwiegend Soldaten, die sich tätowieren ließen. In Deutschland existierten die beiden Wörter tatauieren und tätowieren lange Zeit nebeneinander, bis sich schließlich tätowieren durchsetzte. Prinz Omai hatte zwar die Tätowierung in der Alten Welt salonfähig gemacht, war aber nicht der erste Südseeinsulaner, den die Europäer zu Gesicht bekommen hatten. Der Pirat und Entdeckungsreisende William Dampier war 1691 auf der Insel Moangis zwischen Sumatra und Sri Lanka gelandet und war dort dem tätowierten Häuptlingssohn Giolo begegnet. Gegen dessen Willen kaufte Dampier Prinz Giolo seinem Stamm ab und nahm ihn mit nach Europa. Hier reichte der Seefahrer Giolo am Hofe herum und vermietete ihn an einen Schausteller. Da Giolo kurz darauf an Wasserpocken erkrankte und daran starb, war er rasch wieder in Vergessenheit geraten.

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Nancy Schmidt

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