Mode und Kunst

Müssten diese nicht im Sinne dieser Metapher auseinander gehalten werden, obwohl ihre strukturellen Ähnlichkeiten zur Analogiebildung verführen? Die Situation ist in der Tat kompliziert: Versteht man Mode und Kunst als jeweils ausdifferenzierte soziale Systeme, die über eigene Kriterien, Wertbildungsprozesse und Gesetzmäßigkeiten verfügen, dann muss auf diese systembedingten Unterschiede natürlich hingewiesen werden. Und bei genauerer Betrachtung ist das in der Paarmetapher suggerierte symmetrische Verhältnis alles andere als deckungsgleich. Es gibt Fälle, wo Kunst auf keinen Fall Mode sein will und die Mode ihrerseits keinen Kunst-Status anstrebt. Solange ein klassisch autonomes Kunstverständnis dominiert, wird sich Kunst über ihre Abgrenzung zu den angewandten Künsten – also auch der Mode – bestimmen. Gleichwohl hat es in den letzten Jahren zahlreiche „Crossover“-Versuche gegeben, in denen diese systemischen und kategorialen Unterschiede tendenziell eingeebnet wurden. Man ging schlicht über sie hinweg. Andererseits kann aber auch kein Zweifel darüber bestehen, dass die Grenzen zwischen beiden Systemen tatsächlich durchlässiger, die Übergänge immer fließender geworden sind. Das wechselseitige Austauschverhältnis hat ein neues Ausmaß erreicht. Nun mag es zwar traditionell Versuche, und zwar von beiden Seiten, gegeben haben, sich mit der jeweils anderen zu schmücken, sei es, dass Designer den Habitus des exzentrischen Künstlers pflegten, oder dass sich bildende Künstler an den massenindustriellen Produktionsweisen der Mode orientierten. Doch während es bislang eher die Mode war, die gleichsam auf die Kunst schielte, ist diesbezüglich eine Verschiebung eingetreten, so dass die eine Welt – die Kunstwelt – mehr und mehr die Züge der anderen – der Modewelt – anzunehmen scheint. Der vormals mit der Metapher des kleinen Unternehmens umschriebene „Kunstbetrieb“ wäre heute eher als eine „visuelle Industrie“ zu beschreiben, zumal er strukturelle Ähnlichkeiten zu anderen Kulturindustrien – etwa Hollywood oder eben der Modeindustrie – aufweist. „Visuelle Industrie“ meint, dass die Verantwortung für Bildproduktion und Sichtbarkeit nicht mehr bei einzelnen Künstlern oder Händlern, sondern bei größeren Zusammenschlüssen liegt. Wie in der Modewelt auch ist das Format „Einzelhandel“ korporativen Strukturen gewichen.  Die Faszination der Mode für die Kunst scheint ihrerseits grenzenlos zu sein, was sich an avancierteren Modemagazinen ablesen lässt.

error: Content is protected !!