KULTUR

Musicals

verfasst von Nancy Schmidt

Musicalhighlights wie „Das Phantom der Oper“ oder „Cats“ begeistern die Massen. Waghalsige Bühnenshows wie „Starlight Express“ oder rührselige Geschichten wie „Die Schöne und das Biest“ sind Publikumsmagnete. In kommerzieller Hinsicht haben sie den etablierten Opern- und Theaterhäusern den Rang abgelaufen. Als Geburtsstätte des Musicals gilt der New Yorker Broadway. Entwickelt hat sich die populäre Kunstform aus den Operetten und Singspielen des 18. und 19. Jahrhunderts.

Die heile Welt des Musicals?

Reine Phantasie, historische Begebenheiten, Utopien, Sagen, Legenden und das unerschöpfliche Thema Liebe bieten den Stoff, aus dem erfolgreiche Musicals gemacht werden. Mutige Helden, Schönlinge, Schurken, verliebte und verlorene Seelen spielen die Hauptrollen in den Stücken, deren Sinn und Zweck nicht nur die reine Unterhaltung ist. Obwohl manche Kritiker die Musicals als leichte Musenkost abtun, lassen sich in einigen der Bühnenwerke auch belehrende Botschaften erkennen. So richtete sich das 1967 zum ersten Mal aufgeführte Stück „Hair“ gegen den Vietnamkrieg und gegen veraltete gesellschaftliche Ansichten und Strukturen. In dem 1992 uraufgeführten Musical „Elisabeth“ erfahren wir hintergründig interessante Aspekte aus dem Leben der österreichischen Kaiserin, deren Vita im 1960er Jahre-Film „Sissi“ noch als kitschige Romanze dargestellt wurde. Auch das Musical „Les Misérables“, das 1985 in London Premiere hatte, ist alles andere als ein leichter Stoff. Es basiert auf dem Roman des französischen Schriftstellers Victor Hugo und spielt vor dem historischen Hintergrund der Arbeiteraufstände nach der französischen Julirevolution um das Jahr 1830. Roman und Musical erzählen von Verelendung und sozialen Missständen jener Zeit. Ob reines Unterhaltungsstück oder belehrendes Werk – für beide Musicalvarianten lassen sich genügend Beispiele zitieren. Eines ist ihnen jedoch allen gemeinsam: Ihr Ursprung liegt in den Operetten und Singspielen des 18. und 19. Jahrhunderts.

Was ist ein Musical?

In der englischsprachigen Theaterwelt gibt es die Begriffe „Musical Drama“, „Musical Comedy“ oder „Musical Play“. Damit sind die drei Darstellungsformen Drama, Komödie und Schauspiel gemeint, die jedoch um die wichtige Komponente Musik ergänzt wurden. Eigentlich müsste man die verschiedenen Musicals nach ihrem Inhalt in diese Gattungen einteilen. Allerdings hat sich der Begriff Musical als allgemeine Bezeichnung eingebürgert. Die theaterwissenschaftliche Definition lautet: „Ein Musical ist eine populär und zeitgemäß aufgeführte Theaterproduktion, die aus Live-Darbietungen in den Bereichen Schauspiel, Tanz, Gesang und Musik besteht.“ Schon Barockopern wiesen diese Elemente auf und auch Wolfgang Amadeus Mozart benutzte sie, um seine erfolgreichen Werke „Zauberflöte“, „Don Giovanni“ oder „Die Hochzeit des Figaro“ zu inszenieren. Nur hatte man zu jener Zeit noch andere Begriffe wie Singspiel oder Opera Buffa (komische Oper) für jene Publikumsmagnete des 18. Jahrhunderts. Ab dem 19. Jahrhundert wurde dieses Spektrum noch um das Genre der Operette ergänzt. Jacques Offenbach gilt mit seinen Stücken als der Begründer dieses Fachs. Eine Operette hat einfach zu durchschauende Charaktere und Handlungsstränge und nimmt ein gutes Ende, ist also unterhaltende Volkskunst im besten Sinne.

Startpunkt Broadway

Das Musical ist keine Weiter- oder Fortentwicklung von Singspiel, komischer Oper oder Operette, sondern ein eigenständiger Nebenzweig, der neue Publikums-Bedürfnisse befriedigen sollte und auf neue künstlerische Modeströmungen reagierte. Es ist eine Antwort auf die Entwicklung in der Musikgeschichte, in der es immer neue Stilrichtungen gibt. Als Geburtsort des Musicals gilt das New York des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Die Stadt an der Ostküste der USA war zu jener Zeit ein Schmelztiegel der Einwanderer, die aus den verschiedensten Ländern und Regionen der Erde in der Neuen Welt landeten. Alle brachten sie ihre Musiktraditionen in das neu entstandene Genre ein. So wurden in den frühen Musicals Jazz und Swing ebenso verarbeitet wie Blues, Country und Folklore-Elemente. In den Inszenierungen hielten Versatzstücke aus Londoner und Pariser Revue- und Varietétheatern ebenso Einzug wie Operette, Ballett und Wild West-Show. Ein erstes Frühwerk, das man als Musical bezeichnen kann, entstand 1866 mit „The Black Crook“. Nach und nach setzte sich die neue Unterhaltungsform durch und verdrängte die geläufigen Operetten von den Bühnen am New Yorker Broadway. 1904 inszenierte der irisch-stämmige George M. Cohan sein „Little Johnny Jones“. Die stark amerikanisch geprägte Geschichte setzte sich von den Operettenvorbildern europäischer Prägung ab. Diese Nähe zum Publikum läutete den Siegeszug der Musicals ein. Wichtige Musical-Pioniere waren Komponisten und Texter wie Irving Berlin, George und sein Bruder Ira Gershwin, Richard Rodgers oder Jerome Kern und Oscar Hammerstein. Ihr „Show Boat“, 1927 am Broadway uraufgeführt, wurde zum Meilenstein der Musicalgeschichte.

Mit „Show Boat“ startet eine neue Musicalära „Show Boat“ war das erste Musical moderner Machart und wird auch heute noch gespielt. Es unterschied sich von den üblichen Musikkomödien der 1920er durch seine neue Art der Inszenierung. Man wollte das Publikum mit einer durchgängigen Handlung begeistern, mit einer ernsthaften Geschichte, die mithilfe von singenden Schauspielern erzählt wurde. Ort der Handlung ist ein Theaterschiff, ein „Show Boat“. Solche Unterhaltungsdampfer befuhren Ende des 19. Jahrhunderts die Flüsse der USA und waren sehr beliebt. Zu dieser Zeit spielt auch das Stück selbst, in dem Liebesleid, Rassendiskriminierung, Trunk- und Spielsucht und die Scheinwelt des Showgeschäftes thematisiert werden. Ein Musical, das viele Probleme thematisiert, das aber letztendlich, wohl als Zugeständnis an das Publikum, allen Wirrungen zum Trotz ein glückliches Ende findet. „Show Boat“ wurde wegweisend für alle weiteren Musicals. Musik-, Tanz-, Sing- und Sprechteile bildeten zum ersten Mal eine Einheit, dienten einem Zweck, nämlich den Inhalt einer Geschichte zu vermitteln. Aber noch in einem anderen Punkt brachte 1927 einen wichtigen Durchbruch für das Musical. Es war das Jahr, in dem mit „The Jazz Singer“ das erste Bühnenstück als Tonfilmversion ins Kino kam. Das neue Medium Tonfilm verlieh dem Musical einen zusätzlichen Popularitätsschub. Der Siegeszug des Musicals begann. Das Musical bahnte sich seinen Weg vom New Yorker Broadway über die Filmmetropole Hollywood und das Londoner West End bis zu den deutschsprachigen Musicalmetropolen der Gegenwart wie Hamburg, Berlin, München, Stuttgart, Wien und dem Ruhrgebiet.

Phantom, Cats & Co.

Das Musical entwickelte sich zu einem sehr lebendigen Bühnenmedium, das den jeweiligen Zeitgeist in Musikfarbe und Thematik in neuen Stücken widerspiegelt, gleichzeitig aber auch mit den immer wieder aufgeführten Klassikern der Vergangenheit Tribut zollt. Ohne die Adaption musikalischer Modetrends wären die Erfolge von „West Side Story“ (1957), „Hair“ (1967), „Grease“ (1971), „Rocky Horror Show“ (1973), „Starlight Express“ (1984) oder „Mamma Mia!“ (1999) nicht denkbar. Zu den viel beschäftigten Großverdienern der Musicalbranche gehören Stephen Sondheim und Andrew Lloyd Webber. Sondheim, 1930 in New York geboren, studierte Musik, machte aber zunächst als Musicaltexter auf sich aufmerksam. Er schrieb unter anderem die Bühnengeschichte zu Bernsteins „West Side Story“. Webber hat sich auf die Kompositionsarbeit konzentriert. Zu Webbers Erfolgswerken zählen auch „Cats“, „Phantom of the Opera“ oder „Starlight Express“.

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