ART

Nanni Balestrini: Wer das hir liest braucht sich vor nichts mehr zu fürchten

Nanni Balestrini, »Delacroix, L'avanguardia«, aus der Serie »I maestri del colore«, 1963, Privatsammlung Modena, 18 x 25 cm, © Nanni Balestrini

Seit den 1950er-Jahren ist Nanni Balestrini (*1935, Mailand) eine der bedeutendsten Figuren der italienischen Kultur: als Dichter, Romanschriftsteller und Verlagslektor sowie als bildender Künstler. Das ZKM widmet Balestrini, der in Deutschland vor allem als Autor politscher Romane bekannt ist, erstmals eine Ausstellung, die einen umfassenden Einblick in sein visuellpoetisches Oeuvre gibt. Collagen und Cut-Ups aus Bildern, Texten und Filmsequenzen zeigen ein Lebenswerk, das sich gegen die „Trägheit der Sprache“ wandte und damit gegen die Erstarrung des Denkens und Handelns. Nanni Balestrini: Wer das hir liest braucht sich vor nichts mehr zu fürchten bildet mit zwei weiteren Retrospektiven von Gerhard Rühm und Hansjörg Mayer den Auftakt der ZKM-Ausstellungsreihe Poetische Expansionen, die im Sommer mit Reinhard Döhl, Helmut Heißenbüttel und Konrad Balder Schäuffelen fortgesetzt wird.

Nanni Balestrini ist einer der wichtigsten Vertreter der italienischen Nachkriegsavantgarde. Als Künstler und Verlagslektor und -berater, als Zeitschriftengründer und Organisator von Festivals nahm er in der Entstehung und Durchsetzung der literarischen Neoavantgarde eine Schlüsselrolle ein. Seine ersten Gedichte erschienen 1956 in Documenti d’arte d’oggi, der Zeitschrift des Movimento Arte Concreta (MAC) und der Groupe Espace. Als Lektor wurde Balestrini zunächst für die von Luciano Anceschi 1956 gegründete Literaturzeitschrift Il verri tätig, zu deren Autoren auch Umberto Eco und Alain Robbe-Grillet zählten. 1961 wechselte er ins Verlagshaus von Giangiacomo Feltrinelli. Im gleichen Jahr präsentierte er seine visuellen Collagen erstmals der Öffentlichkeit und trat als einer der Mitverfasser der literarischen Anthologie I Novissimi hervor. 1963 rief er mit einer Reihe von Autoren die Gruppo 63 ins Leben, ein Kreis von Schriftstellern, die sich – inspiriert von Autoren wie Ezra Pound und T.S. Elliot – durch formale und inhaltliche Sprachexperimente gegen den italienischen Neorealismus abgrenzte. Einem größeren Publikum wurde Balestrini durch seinen Roman Vogliamo tutto [Wir wollen alles] (1971) bekannt, mit dem er den Kämpfen der italienischen Arbeiter ein literarisches Denkmal setzte. Balestrini, er 1961 seinen Lebensmittelpunkt von Mailand nach Rom verlegte, ging 1979 in Folge seines linken politischen Engagements ins Exil nach Frankreich. Seit 1985 lebt und arbeitet er in Rom, Mailand und Paris.

Nanni Balestrinis vielfältiges dichterisches und künstlerisches Werk basiert auf der Poetik der Collage, einem Verfahren, das sich der Brüche, Fragmente und Kombinatorik bedient. Dieses verbindende Prinzip zeigt sich in Balestrinis visuellen Collagen ebenso wie auch in seinen wegweisenden Experimenten mit computergenerierter Poesie. Bereits 1961 ließ Balestrini – ein aufmerksamer Beobachter der politischen, künstlerischen und technischen Entwicklungen der jeweiligen Gegenwart – einen IBM-Computer durch kombinatorische Zufallsverfahren das Gedicht Tape Mark I generieren, für das Stéphane Mallarmé ebenso Pate stand wie Raymond Roussel, Raymond Queneau oder William Burroughs. Wenige Jahre später, 1966, formuliert Balestrini mit Tristano ein Projekt, das Literatur und Kunst von der einschränkenden Herrschaft der Typographie Gutenbergs befreien sollte, das er allerdings erst 40 Jahre später mit Hilfe des Digitaldrucks umsetzen konnte: Jeder Buchkäufer erhält eine der 109027350432000 möglichen Versionen des kombinatorischen Liebesromans. Ein ähnliches Verfahren wandte Balestrini für den „längsten Film der Welt“ Tristanoil an, ein Film, der die destruktive Ausbeutung der natürlichen Ressourcen thematisiert und erstmals 2012 auf der documenta 13 gezeigt wurde.
Mit einer Auswahl aus dem Werk von Nanni Balestrini aus den Jahren 1960–2017 präsentiert das ZKM einen Künstler aller Gattungen, der durch die formalistischen Verfahren der Collage und Montage die dominierenden Erzählungen der Literatur, der Kunst, des Alltags, der Liebe, des Journalismus und der Politik auflöst und abweichende Welten aufzeigt und damit sowohl den Status quo als auch das Mögliche sichtbar macht.

 

Über den Autor

Uwe Marcus Magnus Rykov

Chefredakteur P!-Magazine
Geschäftsführer P! Magazine Paris / Agence de presse
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