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Patchwork – Familien

verfasst von Nancy Schmidt

50 Prozent aller in Deutschland geschlossenen Ehen werden innerhalb der ersten sieben Jahre wieder geschieden. Mehr als die Hälfte aller geschiedenen Mütter und Väter haben nach einem Jahr wieder einen Partner: Eine Stieffamilie entsteht, in der mindestens ein Elternteil nicht der leibliche Elternteil eines Kindes ist. Patchwork-Familie heißt das bunte Familienleben neudeutsch, weil die Herkunft der einzelnen Teile ebenso unterschiedlich ist wie bei dem namensgebenden Flickenteppich.

Ein buntes Zusammenleben

In Patchwork-Familien gibt es viele Variationsmöglichkeiten:

Familien mit gemeinsamen Kindern und Stiefkindern, solche, in denen die Kinder dauerhaft leben und solche, bei denen die Kinder nur zeitweise zu Besuch sind.

Gemeinsam ist ihnen allen, dass zu dem leiblichen Elternteil ein neues hinzutritt und mit ihm oft zahlreiche Konflikte.

Geschichte der Stieffamilie

Bis ins 20. Jahrhundert hinein war der Grund für eine Wiederheirat meist der Tod eines Elternteils. Das drückt auch die Vorsilbe „Stief“ aus. Sie kommt aus dem Germanischen und bedeutet „beraubt“. Eine schnelle Wiederheirat nach einer „Beraubung“ der Kinder durch den frühen Tod eines Elternteils war lange selbstverständlich und notwendig, um die Familie sozial und finanziell abzusichern.

Durch den medizinischen Fortschritt ist der Tod eines Elternteils in jungen Jahren heute weit seltener geworden. Die hohen Trennungs- und Scheidungsraten führen jedoch dazu, dass dennoch immer mehr Stieffamilien entstehen. Dabei ist das Bedürfnis nach sozialer und finanzieller Absicherung heute eher selten ausschlaggebend.

Die Akzeptanz von allein erziehenden Eltern ist deutlich gewachsen, und bedürftigen Teilfamilien greift nötigenfalls der Staat unter die Arme. Das Bedürfnis nach einer „heilen“ Familie und nach einer glücklichen Partnerschaft ist jedoch auch bei vielen geschiedenen Eltern ausgeprägt.

Wieder eine „richtige“ Familie

Frisch verliebte Eltern sind oft überschwänglich, wenn sie einen neuen festen Partner gefunden haben. Oft sind sie fest davon überzeugt, dass ihre Kinder das neue Familienmitglied mit offenen Armen empfangen werden. Aber Kindern fällt es oft schwer, einen neuen Partner der Eltern zu akzeptieren. Dies gilt vor allem dann, wenn das neue Elternteil als „Ersatz“ für das nicht länger im gleichen Haushalt lebende Elternteil präsentiert wird.

Die Sehnsucht, wieder eine „richtige“ Familie zu sein, ist auch bei Kindern ausgeprägt, allerdings hoffen diese oft noch auf eine Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes. Der Einzug eines neuen Partners macht ihnen schmerzhaft bewusst, dass die erste Familie unwiederbringlich aufgelöst ist. Doch der oder die Neue auch ein guter Freund und Vertrauter werden, wenn man aufeinander eingeht und sich die Zeit hierfür nimmt.

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein…Vater?

Vater oder Mutter werden Menschen durch Geburt. Stiefvater oder -mutter zu werden, ist jedoch kein so klarer Prozess. Anders als leibliche Eltern haben Stiefeltern mitunter nicht lange Zeit um sich auf Kinder einzustellen. Durch ihre neue Rolle verändert sich auch ihr Leben auf einen Schlag. So wird ein langjähriger Junggeselle vielleicht plötzlich zum Vater zweier Kinder im Schulalter, oder die Mutter eines Einzelkindes zum Teil einer Großfamilie mit vier Kindern.

Stiefeltern treffen im neuen Haushalt auf eine mehr oder weniger eingespielte Teilfamilie, in der sie das jüngste Glied sind. Viele fühlen sich zunächst hilflos: Die Erwartungen an ein Stiefelternteil sind gesellschaftlich kaum festgelegt. Das schafft Gestaltungsfreiraum, führt aber auch zu Verunsicherungen.

Viele Stiefeltern leiden zunächst unter Versagensängsten, insbesondere dann, wenn sie bisher keine Erfahrung in Kindererziehung oder Haushaltsführung hatten. Hinzu kommt, dass viele Stiefeltern sich in der ersten Zeit im neuen Haushalt als Außenseiter fühlen und dies oft auch sind.

Patchwork – ein neues Familienmodell

Die Patchwork-Familie gilt vielen Familienforschern als das Familienmodell der Zukunft: Es steht zu erwarten, dass immer mehr Jugendliche nicht nur in einer, sondern in mehreren Familien aufwachsen werden.

Wie viele Stieffamilien es heute in Deutschland gibt, lässt sich kaum sagen, da bei Eheschließungen nur gemeinsame Kinder erfasst werden. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geht jedoch davon aus, dass in zwischen 7 bis 13 Prozent aller Haushalte in Deutschland Kinder in Stieffamilien leben.

Alternative Familienformen wie Stieffamilien, aber auch Ein-Eltern-Familien oder gleichgeschlechtliche Elternpaare, stellen große Herausforderungen an alle Mitglieder der Familie: Sie brauchen Mut, Geduld und viel Toleranz.

Gleichzeitig bieten sie jedoch auch eine große Chance: Familienforscher haben festgestellt, dass Kinder, die in alternativen Familienformen aufwachsen, oft eher in der Lage sind Verantwortung zu übernehmen, sensibler auf gesellschaftliche Diskriminierungen reagieren und über flexiblere Rollenauffassungen von Mann und Frau verfügen, als Kinder aus traditionellen Familien.

Über den Autor

Nancy Schmidt

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