Unser Berlin

Eigentlich wollte ich über den schönen gestrigen Abend im Estrel berichten. Frank Zander lud wieder viele Obdachlose zum traditionellen Gänseessen ein. Claudia und ich waren stolz, gestern ein Teil der Helfer zu sein. Es war eine sehr ergreifende Veranstaltung, voller Dankbarkeit, Freudentränen und mit ganz viel Herz. 

Als wir Helfer am Ende in der Runde mit Frank Zander zusammen saßen, kamen die ersten Meldungen. Irgendwas da draussen lief gar nicht gut. Schlagzeilen überhäuften sich. Berlin war bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht Teil einer solchen Schlagzeile geworden… noch nicht. Doch dann hiess es ziemlich schnell, dass wohl ein LKW in den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast ist. Zu dem Zeitpunkt war die Rede von 2 Toten und mehreren Verletzten. Am gesamten Tisch ein Schock. Auf unseren Handys sahen und hörten wir das gesamte Ausmaß. Nachrichten trudelten ein… “ geht es Euch gut? „. Sorgen machten sich breit. Beruhigende Anrufe und Nachrichten wurden getätigt, um die Liebsten draussen zu trösten. Ein lieber Freund von uns, Axel Kaiser, dessen Weihnachtsterrasse wir immer traditionell besuchen, befand sich dort ebenfalls in unmittelbarer Nähe des grausamen Geschehnisses. Wir machten uns große Sorgen. Wenig später erfuhren wir, Axel ging es gesundheitlich erstmal gut, aber der Schock sitzt natürlich tief. Das ist es… Schock. Schock, über das was passiert ist. Natürlich war abzusehen, dass wir alle noch näher damit konfrontiert werden würden, aber irgendwann vergisst man diesen Gedanken und genau dann passiert es. An einer friedvollen Nacht, in Berlin. Einer Stadt, in der ich geboren und groß geworden bin… mein Zuhause. Einer Stadt, die für Frieden und Freiheit steht… eine Stadt, die den Krieg überlebt hat und die 1990 nach der Teilung wieder vereint wurde. Berlin ist ein Wahrzeichen… zumindest empfinde ich es so als Berlinerin. Und ausgerechnet an einem Ort, der ebenfalls als ein wichtiges Wahrzeichen gilt, der Gedächtniskirche, rast ein LKW in die Menge, tötet und verletzt unschuldige Menschen. Direkt vor unserer Gedächtniskirche, die als Mahnmal für den Frieden steht. Vor ihren Augen passiert etwas schreckliches.

Und ich werde mich an dieser Stelle hier nicht mit politischen Äußerungen aus dem Fenster lehnen. Zum einen habe ich nicht die richtige Ahnung davon und zum Zweiten, fühle ich mich dazu nicht berechtigt. Es gibt jedoch viele, die es wohl sind… darüber sehe ich gerade viel auf Facebook. Aber wir leben halt auch in einem freien demokratischen Land, wo jeder seine Meinung lauthals von sich geben kann. Gott sei Dank, bleibt es aber genau so frei meine Entscheidung, ob ich diesen Quatsch lesen mag oder nicht. Vielleicht klingt es naiv, aber ich kann mich damit gerade nicht mit Politik befassen. Ich bin zu sehr geschockt, erschüttert und traurig. Meine Gefühle stehen gerade mehr im Vordergrund. Das wird auch noch eine Weile anhalten. Es gibt jedoch zwischen all den traurigen Gefühlen, ein Empfinden der Dankbarkeit. Dankbarkeit zu sehen, dass die Berliner Feuerwehr, die Berliner Polizei, ehrenamtliche Helfer und alle Einsatzkräften unermüdlichen Einsatz bewiesen haben, um zu Leben retten und den Fall aufzuklären. Dass selbst die umliegenden Gewerbetreibenden am Breitscheidplatz mit dem was sie hatten, die selbstlose Versorgung der Betroffenen und Einsatzkräfte übernahmen, berührt mich sehr. 

Heute, der Tag danach: Jeder Berliner zieht morgens seine gewohnte Schnute, aber heute war es verändert. Heute habe ich ganz bewusst in die Gesichter der Menschen geblickt, und auch sie sahen mich direkt an. Trauer sah ich in ihren Augen und sie in meinen.  Jetzt hat es uns getroffen und jeder ist sich darüber bewusst. Ich habe das heute hier nicht geschrieben, um meinen Gefühlen Worten zu verleihen und auch nicht um Euch zukünftig zu warnen auf die Strasse zu gehen. Ich habe dies hier geschrieben, weil ich an Berlin und alle, die in dieser Stadt leben, glaube und wir jetzt zusammenhalten müssen. Berlin ist ein Stück Freiheit und dieses Stück müssen wir uns erhalten. John F. Kennedy sagte am 26. Juni 1963: „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt (West-)Berlin, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner.“ Sorgen wir dafür, dass wir in unseren Herzen und in unserem Berlin weiterhin frei bleiben. Unser Berlin.

Unsere Herzen und Gedanken sind bei allen Opfern und ihren Angehörigen, in jeder Sekunde.

 

P.S. Ich habe mit Absicht ein Bild ausgewählt, was einmal eine schöne Erinnerung war. Versuchen wir davon ein Stück in unserem Herzen zu bewahren. Danke Manfred Behrens

 

 

 

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