KULTUR

Von guten Menschen, die auszogen, um sich beleidigen zu lassen.

André Biakowski
verfasst von Andre Biakowski

Das Jahr 2016 neigt sich dem Ende entgegen, und kaum ein Wort habe ich öfter gehört, als dieses eine: Flüchtling. Als Lehnwort der politischen Debatten aus dem Vorjahr 2015 klingt es in meinen Ohren, je öfter ich es höre, deformierend und klassifizierend. Ich beobachte, wie dieses eine Wort Menschen in meiner Umgebung zu verändern scheint und sie in zwei Gruppen spaltet: in Wut- und Gutbürger. Alleine diese von den Medien besetzte Unterteilung, um die „Lager“ möglichst scharf und plakativ voneinander abzugrenzen, finde ich fragwürdig. Aber, bei diesen beiden „Lagern“ bleibend, stellt sich mir die Frage, wer beide eigentlich sind.

Wutbürger sind jene, denen es eigentlich so gut geht, dass sie sich in ihrem eigenen Wohlstand bedroht fühlen, die Politik für die viele Fremden im Land verantwortlich machen und dabei zu vergessen scheinen, dass sie selbst Profiteure des Sozialstaates in unterschiedlichen Leistungen sind. Sie erblinden für die Realität im Land und beißen genüsslich in ihren Döner, ohne darüber nachzudenken, dass sie damit ein Stück fremde Kultur genießen, welche zudem noch muslimisch geprägt ist. Es sind genau die Menschen, die ihre Wut mit einer Angst vor Überfremdung zu rechtfertigen versuchen, ohne sich dabei die Mühe zu machen, Zahlen und Fakten genauer anzusehen. Das müssen sie auch nicht, denn für sie gibt es die Alternative für Deutschland, die endlich gegen den Machtapparat den Mund aufreißt und mit der geballten Faust auf den politischen Tisch haut, an welchem wir als Gesellschaft die Flüchtlingsdebatten führen und über Obergrenzen diskutieren. 

Die öffentliche Wortgewalt der Alternative imponiert den Wutbürgern, ohne, dass sie die Parolen derer hinterfragen. Gedanklich wird von ihnen in die gleiche Richtung gegen Merkel & Co als „Volksverräter“ marschiert und in Schlachtrufen gesellschaftliche Grundwerte unter dem Deckmantel ihrer Meinungsfreiheit leichtfertig über Bord geworfen. Sie radikalisieren sich in den Meinungen unter der Überschrift „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ gegenseitig, driften ins braune Milieu ab und scheinen jeglichen Respekt und Anstand vor den Menschen zu verlieren, die ihren destruktiven Antikurs nicht teilen. „Gutmensch“ titulieren die Wutbürger all jene, die sich für demokratische und humanitäre Werte unserer Gesellschaft einsetzen. Ihre Titulierung ist für diese engagierten Bürger unserer Gesellschaft kein Prädikat, sondern eine Deformierung. Warum? Weil sie in dem Begriff „Flüchtling“ einen Hilfsauftrag im Kleinen oder in den großen Strukturen zu sehen scheinen. Ihre Devise: „Da muss man doch etwas tun!“ veranlasst sie, sich in Vereinen zu engagieren oder selbst Initiativen ins Leben zu rufen, um politische Defizite, eine staatliche und bürokratische Behäbigkeit, nicht mit Parolen, sondern durch ehrenamtliche Arbeit auszugleichen und um damit in der hiesigen Gesellschaft oder im Ausland unmöglich Geglaubtes zu ermöglichen. So wie z. B. die Berliner Autorin Jeannette Hagen („Die leblose Gesellschaft – Warum wir nicht mehr fühlen können“), die in ganz unterschiedlichen Aktionen Flüchtlinge in Griechenland unter anderem auf Lesbos oder in Idomeni hilft. In ihrer aktuellen Aktion „Kunst gegen Kälte“, einer Kunstauktion, an der sich bereits über 100 Künstler beteiligen, sammelt sie Geld für drei Hilfsaktionen: schwizerchrüz.ch, Flüchtlingspaten Syrien e.V.  sowie Lifeline. Ein anderes Beispiel ist der Schweizer Fotograf und Autor Thom Held. In seinen präzisen Bildern hält er in den Augen der Flüchtlinge auf Lesbos und in Idomeni die Zeit an, formuliert unausgesprochene Geschichten und wirft damit den Betrachter auf seinen eigenen Standpunkt zurück.

Was passiert aber, wenn diese beiden Menschengruppen, Gut- und Wutbürger, aufeinandertreffen? Soziale Netzwerke wie Facebook geben darauf erschreckende Antworten und entwickeln sich zu Plattformen für Polemik und rechtspopulistische Deformierungen. Während die Gutbürger ihr Engagement für Flüchtlinge möglichst breit auf ihren Profilseiten und in Gruppen mit der Absicht der Vernetzung kommunizieren, treten Wutbürger unter teils anonymisierten Profilnamen mit verbalen Aussetzern gegen sie in einen scheinbaren Wettbewerb um die meisten Klicks. Dabei werden vernunftgeprägte User als dumm und Abschaum verhöhnt und beleidigt. Der gute Mensch, der auszieht, um sich für Bedürftige einzusetzen, erntet nicht selten für seine humanistische Einstellung Schmach und Beleidigungen. Sind Äußerungen wie die folgenden wirklich unter dem hohen Gut der Meinungsfreiheit duldbar?

„Ja,  so  ist  das:  Die  Gutmenschen  tragen  dazu  bei,  die  organisierte  Kriminalität  in   Deutschland  auszubauen…“  oder  „Von  der  Grenze  bis  zum  Wunschort  zahlen  die  Refugees   2000  Euros.  Die  willigen  Helfer  haben  dazu  beigetragen,  die  organisierte  Kriminalität  in   Deutschland  zu  vervielfachen  und  im  Zuge  dieser  Einwanderung  haben  SIE  [direkte   Anrede],  die  dummdeutschen  Helfer,  auch  Prostitution,  Drogenhandel,  Waffenhandel,   professionelle  Bettelei,  Vergewaltigungen  und  Morde,  wie  z.B.  in  Feiburg  und  Paris,   ermöglicht,  neben  erheblichem  Sozialbetrug.“  (Marcus  M. |  Facebook-­Kommentar  vom   05.  Dezember  2016)    

Oder  direkt  an  meine  Person  gerichtet:

 „…ach  ja  mein  Vater  hat  mir  erzählt  das  man  früher  in  Polen  die  Frauen  für  ne  Zigarette   vögeln  konnte  und  du  willst  hier  was  von  Rechtschreibung  erzählen  ich  schmeiß  mich  weg   du  schwulette  traust  dich  wahrscheinlich  auch  nur  übers  Internet  so  frech  zu  sein  wa.“   (Muharrem  M. | Facebook-Kommentar  vom  13.  Dezember  2016)  

Wer  von  beiden  Menschengruppen  setzt  sich  denn  wirklich  für  unsere  Werte  wie  Sprache,   Demokratie  und  gesellschaftliche  Teilhabe  ein  und  stellt  damit  eine  ernstzunehmende   Alternative  für  Deutschland  dar?  Wer  von  ihnen  schützt  die  Unantastbarkeit  der  Würde  des   Menschen?  Der  Schreier  und  Wutbürger  nicht,  denn  er  geht  ja  in  seinen  Parolen  und   tätlichen  Angriffen  selbst  gegen  seine  eigenen  Landsleute  vor,  die  er  als  dumm  deklariert,   um  sich  letztlich  als  vermeintlich  Wissenden  arrogant  über  sie  zu  stellen.

Die eigentliche Gefahr der aufgeführten Kommentare liegt in der schnellen Verbreitbarkeit – in den Shares. Informationen sind durch Technologien inflationiert worden und eine inhaltliche Prüfung dem Rezipienten überlassen zu sein: Fastfood Media! Doch wir als Gesellschaft sind für unsere Informationen mitverantwortlich, können uns nicht zurücklehnen und leichtfertig die Schuld den Medien in die Schuhe schieben und sie als „Lügenpresse!“ titulieren. Es kann nicht sein, dass Facebook zu einem rechtsfreien Raum wird, in dem alles ungeschützt gesagt werden darf. Aber wie wird denn eigentlich die unantastbare Würde in den digitalen Medien für beide Menschengruppen geschützt?

Wir sind das Volk, nicht als Parole, sondern als gesellschaftliches, demokratisches Selbstverständnis, das Verantwortung nach sich zieht und ein erkenntnisgeleitetes Reflektieren des Zeitgeschehens unter anderem in den Medien voraussetzt. Warum? Damit Flüchtling sich nicht als Titulierung etabliert.

Ich bin froh, in einem Land zu leben, das sicher ist. Ein Land, in dem ich eine Arbeit habe und das zu den wirtschaftlich stabilsten weltweit gehört. Ein Land, das in der Lage ist, so vielen Menschen eine neue Heimat zu bieten. Ein Land, welches geteilt und wiedervereint wurde und 1989 vielen Menschen aus dem ehemaligen Osten im „Westen“ oder im wiedervereinten Deutschland einen Neuanfang ermöglichte, ohne dass sie zum Beispiel jahrelang in eine Sozialkasse einzahlten.

Ich möchte mir dieses Land, das per se einen gemeinschaftlichen, humanistisch geprägten und demokratischen Geist in sich trägt, nicht von Rechtspopulisten verderben lassen. Ihre Rückbesinnung auf nationalistische Werte als Alternative zum bestehenden politischen System spiegelt nicht die Weltoffenheit oder internationale Glaubwürdigkeit wider, für die sich unsere Großeltern und Eltern in den Nachkriegsjahren aller internationaler Vorurteile zum Trotz einsetzten. Nein, die Gesinnung der Rechtspopulisten rekrutiert sich aus Werten, welche Menschen klassifizieren: in Fremde und in Deutsche.

Ist es denn in einem Integrationsprozess so wichtig, das Fremde zu betonen? Sind nicht beide Parteien fremd vor einander? Der, der zu uns kommt, für uns und wir für ihn gleichermaßen? Kann dieser kleinste gemeinsame Nenner bei unserer Anforderungsklaviatur dem Fremden gegenüber nicht vielleicht der Schlüssel zur Integration sein? Schritt eins: sich einander kennenlernen. Ich denke in diesem Kennenlernen läge die Basis für Respekt, der Achtung unserer Werte sowie für die Motivation, unsere Sprache als Grundlage für weitere Integrationsstufen zu lernen. Dieser erste Schritt würde viele Wutbürger ihre Maske abnehmen lassen, das „Fremde“ in unseren Alltag integrieren und ein Deutschland zeigen, auf das ich gerne stolz sein möchte. Ein weltoffenes Land, in dem ich – besonders in diesen Tagen – gleichsam selbst so viel lernen und vermitteln kann: Respekt, Nächstenliebe, Menschlichkeit, Sprache sowie unsere Traditionen und Werte. Dieser kleine erste Schritt der Begegnung kann eine Flucht beenden, ein Ankommen ermöglichen und ein Neubeginn sein. Für den Flüchtenden, den ich vorurteilsfrei annehme, und für mich, der ich so den einen oder anderen Vorurteil überwinde und dankbar spüre, wie wichtig mir es ist, eine Heimat in Frieden und Sicherheit zu haben. Und dass dies auch im kommenden Jahr nicht für jeden selbstverständlich sein wird. 

 

weiterführende Links:

schwizerchrüz.ch  http://www.schwizerchruez.ch

Flüchtlingspaten Syrien e.V.  http://www.fluechtlingspaten-syrien.de

Kunst gegen Kälte  http://www.kunstleben-berlin.de/kunst-gegen-kaelte

Lifeline http://www.lifeline.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über den Autor

Andre Biakowski

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